Brücken über Grenzen geschlagen: Protestantisches Pfarrhaus in Waldsee diente ein Jahr als Unterkunft

Engländerinnen machten freiwilliges soziales Jahr in Waldsee, Speyer und Neuhofen
Brücken über Grenzen geschlagen
Protestantisches Pfarrhaus in Waldsee diente ein Jahr als Unterkunft

VON ANDREAS KLAMM
Waldsee. „Großes Heimweh nach Deutschland werden wir bekommen“, meinen Louise Sutton, Halstead (Essex) und Helena Scott aus Dartford (Kent) und genießen morgens um acht Uhr, am Abreisetag ihr letztes „deutsches“ Frückstück. „Wir werden wieder kommen“, versprachen die beiden 19jährigen Engländerinnen, die ein Jahr im Prostestantischen Pfarramt in Waldsee wohnten, um ein freiwilliges soziales Jahr zu machen.
In Waldsee sind seit fünf Jahren im Wechsel Teilnehmer aus Frankreich, Luxemburg, den USA und England zu Gast. Pfarrer Wolfgang Jockers beklagte dieses Mal allerdings, daß sich trotz zahlreicher Bemühungen wenig Kontakte in der Waldseer Pfarrgemeinde vor Ort herstellen ließen. Die Kommunikation bei vorhergehenden Gästen habe schon besser funktioniert, meint er.
Die beiden Engländerinnen bewarben sich nach Abschluß ihres Abiturs bei den Quäkern, einer englischen religiösen Vereinigung. Von dort aus wurden sie über die Stiftung Sozialer Friedensdienst Pfalz zu ihren Stellen vermittelt. Die 1974 von Wilfried von Rekowski initiierte Stiftung Sozialer Friedensdienst Pfalz fördert diese Aufenthalte meist für junge Leute aus weiten Teilen Europas als Teil des Friedensdienstes. Umgekehrt werden ebenso Auslandsaufenthalte von Deutschen durch diese Institution unterstützt. Dazu genügt eine Bewerbung an den Sozialen Friedensdienst in Speyer, Ludwigsstr. 28. In einer Informationswoche wird geprüft, ob sich die Bewerber für einen derartigen Aufenthalt eignen. Sehr gute Sprachkenntnisse als Voraussetzung sowie die Bereitschaft zu Aufgeschlossenheit, Toleranz, Hilfe und ein bescheidenes Leben zu führen, dürfen nicht fehlen. Für deutsche, wie auch aus dem Ausland kommende Teilnehmer folgt eine Vorbereitung auf den Jahres-Aufenthalt sowie eine Einführung in den Sozialbereich und die Struktur des jeweiligen Gastlandes. Regelmässig stattfindende begleitende Seminare und ein Abschlußseminar am Ende des sozialen Jahres dienen zur Besprechung und Auswertung der gewonnenen Erfahrungen.
„Um den Brückenbau über Grenzen hinweg in Organisation und Koordination zu ermöglichen, verfügt die Stiftung über kirchliche Partner im Ausland und arbeitet mit hiesigen Einrichtungen zusammen“, sagt so der Geschäftsführer, Wilfried von Rekowski. Mitarbeiter der Stiftung holen die ausländischen Gäste bei der Ankunft ab und sorgen für eine Unterkunft. „Nur wegen unserer guten Sprachkenntnisse und Noten konnten wir nach Deutschland kommen“, erzählen die Engländerinnen.
Tagsüber arbeitete Louise im Bereich der Altenpflege bei der ökumenischen Sozialstation in Speyer. Helena betreute Kinder im protestantischen Kindergarten in Neuhofen. Darüber hinaus pflegte sie an zweieinhalb Tagen in der Woche und oftmals auch am Wochenende ein schwerbehindertes Kind in der selben Gemeinde. Anders als bei Touristen lernen die Teilnehmer das jeweilige Gast-Land besser und intensiver in einem Bildungsjahr kennen.
Der protestantische Kindergarten war mit der Hilfe aus England sehr zufrieden. Pfarrer Dietrich Lauter aus Neuhofen begrüßt den internationalen Austausch. Sehr gefragt ist die Behindertenarbeit, gefolgt von der Tätigkeit im Kindergarten, Kranken- und Altenpflege, Arbeit im Altenheim sowie der Familienhilfe. Als Leistungen werden ein bescheidenes Taschengeld von 250 Mark und die Sozialversicherung gezahlt. Freie Unterkunft und Verpflegung werden zur Verfügung gestellt.
In der wenig verbleibenden Freizeit konnten die Engländerinnen Freunde gewinnen. Der Eindruck von Deutschland: „Anfangs waren die Kontakte noch nicht gleich zustande gekommen“, führt Louise in sehr gutem Deutsch aus. Nicht weniger perfekt spricht Freundin Helena, die auf sechsjährige Schulkenntnisse in Deutsch zurückblicken kann. Eine Kurzreise nach Österreich zählte mit zu den Höhepunkten des Aufenthalts.
Die Zukunftspläne der beiden stehen schon fest. Louise möchte Logopädie, Helena deutsches und englisches Recht studieren. Das freiwillige soziale Jahr wird in sozialpädagogischen und erzieherischen Bereichen für verschiedene Eingangsberufe anerkannt.
BILD-Unterschrift # 1:Helena Scott (li.) und Louise Sutton (re.) werden Deutschland vermissen. Foto: Andreas Klamm
BILD-Unterschrift # 2: Louise Sutton (re.) und Helena Scott (li.) aus England wollen wieder nach Deutschland kommen. Foto: Andreas Klamm
Erst-Veröffentlichung: Speyerer Tagespost, 1987
Zweit-Veröffentlichung: IFN d734 News Magazine, 2005
Dritt-Veröffentlichung: British Newsflash Magazine, 2007

Freiwilliges Soziales Jahr: Christina macht das Helfen Spaß!

Freiwilliges Soziales Jahr:
Christina macht das Helfen Spaß!
VON ANDREAS KLAMM
Mannheim. 6 Uhr Aufstehen. Christina ist noch müde und gähnt. Es fällt nicht immer leicht so früh aus den Federn zu kommen. Inzwischen hat sich die 19jährige Abiturientin Christina Elsishans daran gewöhnt. Sie macht seit 21. August letzten Jahres ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Josef-Bauer-Altenheim. Christina hat selbst zwei pflegebedürftige „Omis“ und gleich nach dem Abi´89 hat sie einen festen Draht zu den Alten, mit denen sie sich allesamt versteht, aufgebaut.
Als sie sich das erste Mal im Altenheim vorstellte, war sie angenehm überrascht und wußte: „Hier werde ich mein Freiwilliges Soziales Jahr machen. Nach dem Abi war ich total mit Büchern und Theorie vollgestopft, ich wollte einfach eine praktische und sinnvolle Arbeit machen.“, erzählt sie. Dannach ist sie den Weg gegangen, den alle FSJ-Interessierte, meist Frauen im Alter von 17 bis 25 Jahren, gehen müssen. Bewerbung, Vorstellungsgespräch im Gruppenverfahren, Auswahl, nur 50 Frauen oder Männer haben eine Chance!
Daß sie als Mannheimerin auch in Mannheim bleiben konnte, war Glückssache. Normalerweise gibt es die FSJ-Stellen nicht am Wohnort, sondern die Stellen sind auf das Gebiet der Erzdiözese Freiburg verteilt. Das FSJ versteht sich als persönliches Erfahrungs- und Orientierungsjahr, befaßt sich mit Fragen der persönlichen Lebensorientierung, kann als Überbrückung zwischen Schule und Ausbildung oder Studium dienen, und in Altenheimen, Krankenhäusern, Behinderteneinrichtungen, Sozialstationen oder in pädagogischen Einrichtungen absolviert werden. Monatlich gibt es ein Taschengeld von 220 Mark, die Sozialversicherungsbeiträge werden gezahlt, Unterkunft und Verpflegung sind frei, 26 Tage Urlaub garantiert und acht Heimfahrten pro Jahr werden übernommen.
„Die Alten sind so süß, gleich am ersten Tag schenkte mir eine Bewohnerin eine Tafel Schokolade“, erinnert sich Christina. Hin und wieder wird´s aber auch ganz schön streßig. Noch bis August wird sie im Joseph-Bauer-Haus ihren Dienst in den Früh- oder Spätschichten am Nächsten tun: Sie füttert, wäscht, fährt die Alten im Rollstuhl, zieht sie an und aus, badet sie, spült Geschirr – eine Menge harter Arbeit!
Die Reaktionen der Ex-Mitschüler und Freunde sind ganz unterschiedlich. „Du bist verrückt…“ und ähnliche Dinge, mußte sie sich anhören. Das stört sie aber nicht und die Arbeit macht ihr viel Spaß: „Es bringt mir sehr viel im Umgang mit älteren Menschen, mit meinen „Omis“. Ihre Mutter traute ihr die Arbeit nicht zu, ist jetzt aber vom Gegenteil überzeugt.
Mit den Kolleginnen und Zivis im Heim versteht sie sich auch prima. Heimleiterin Maria Beyer freut sich über die dynamisch junge Hilfe. Nächste Woche fährt die Abiturientin auf eines der fünf Bildungsseminare. Nach ihrem FSJ möchte Christina mit einem Studium beginnen: „Vielleicht Heil- und Kulturpädagogik, Psychologie“.
Eigentlich wollte sie ja auch ´mal Germanistik studieren und Journalistin werden – so genau weiß sie das noch nicht. Interessierte, die sich noch für das Freiwillige Soziale Jahr bewerben wollen, müssen sich beeilen: Anmeldeschluß ist Ende März beim Caritas-Verband Mannheim e. V., Referat Mädchensozialarbeit, D 7,5, 6800 Mannheim, Telefon 0 621 15 50 12.
BILD-Unterschrift: Bettenmachen zählt mit zu den Aufgaben im Altenheim. Nach dem FSJ möchte die 19jährige Christina studieren. Foto: Bohnert / FOTO digitalisiert aus ZEITUNG
Erst-Veröffentlichung: Wochenblatt Mannheim, 1990
Zweit-Veröffentlichung: IFN d734 News, 2005
Dritt-Veröffentlichung: British Newsflash Magazine, 2007